Keine Eile
SIE FALLEN KAUM AUF, OBWOHL SIE HIER LEBEN: OBDACHLOSE, GESTRANDET AM MÜNCHNER FLUGHAFEN. JETZT KÜMMERN SICH MITARBEITER DER KIRCHE UM SIE.

Silviu wird wütend, er fühlt sich ertappt. Jessica Gürtler und Markus Jaehnert versuchen ihm zu erklären, dass er hier nicht bleiben kann. Doch er spricht nur Rumänisch und versteht: nichts. Der Google-Übersetzer soll helfen. Aber im Parkhaus des Münchner Flughafens hat das Handy keinen Empfang. Also raus in die Dämmerung. Es ist neun Uhr abends.

An einem Stehtisch hinter dem geschlossenen „Smokey Joe’s“-Imbiss versuchen sie es weiter. Ihre Ruhe scheint sich auf Silviu zu übertragen. Er fängt sich. Ein paar Tage hat er nun Zeit, sein Lager zu räumen, das die beiden eben entdeckt haben: unten in einem Treppenturm des selten genutzten Parkhauses. Jessica Gürtler und Markus Jaehnert werden sich morgen um einen Übersetzer bemühen. Silviu hatte Glück, dass die beiden sein Lager als Erste fanden. Und nicht die Polizei.

Jessica Gürtler ist Sozialarbeiterin, Markus Jaehnert Diakon. Beide sind das Herz des Projekts „MOSE“ für die Obdachlosen am Münchner Flughafen. Der Name des biblischen Urvaters steht für „Menschen ohne Obdach sozial eingliedern“. Die evangelische Kirche hat sie angestellt, der Airport bezahlt ihr Gehalt.

Für den Flughafen, zugleich ein Unternehmen und ein öffentlicher Ort, sind Obdachlose ein Imageproblem. Und sie verursachen Kosten. Aber sie sind Menschen in Not. Und damit kennt sich die Kirche aus wie niemand sonst.

<strong> Verständnisprobleme: </strong> Jessica Gürtler und Markus Jaehnert versuchen einem Obdachlosen aus Rumänien zu helfen, der in einem weitläufigen Flughafenparkhaus übernachtet.
Verständnisprobleme: Jessica Gürtler und Markus Jaehnert versuchen einem Obdachlosen aus Rumänien zu helfen, der in einem weitläufigen Flughafenparkhaus übernachtet.

„Das Projekt MOSE“, sagt Flughafen-Geschäftsführerin Andrea Gebbeken, „ist eine wohl einmalige Kooperation zwischen einem kirchlichen Träger und dem Flughafen München. Das Projekt verbindet die Sicherheitsinteressen des Flughafens mit unserer sozialen Verantwortung als öffentliche Einrichtung. Wohnungslose Menschen, die sich am Flughafen aufhalten, erhalten hier Hilfestellung zur Überwindung ihrer Obdachlosigkeit.“ Gebbeken ist im dreiköpfigen Flughafenvorstand für das Endkundengeschäft verantwortlich. Und für die Sicherheit.


<strong> Schlafplatz im Treppenhaus: </strong> Markus Jaehnert entdeckt das versteckte Lager eines Obdachlosen.
Schlafplatz im Treppenhaus: Markus Jaehnert entdeckt das versteckte Lager eines Obdachlosen.

EIN FLUGHAFEN UND KEIN WOHNHAUS

Seit November 2017 sind Gürtler und Jaehnert täglich auf dem Flughafen unterwegs. Gut 60 Obdachlose haben sie seitdem schon angesprochen, darunter zwölf Frauen. Bis zum Jahresende werden es wohl wesentlich mehr sein.

Kurz bevor die beiden Silvius Lager entdeckten, hatten sie ihn auf einer Bank am Rand des Airport Centers getroffen. Markus Jaehnert kannte ihn schon; er hatte ihm Ohrentropfen besorgt, weil Silviu Schmerzen hatte. Die Tropfen haben sie beim Lager im Parkhaustreppenturm wiedergefunden. Eine Matratze auf Styroporplatten, ein Karton mit frischem Gemüse, Öl, Toilettenpapier. „Das Lager geht nicht“, sagte Gürtler, „das hier ist ein Flughafen und kein Wohnhaus. Da müssen wir eine andere Lösung finden.“

Morgen, mit Übersetzer, hoffen sie, werden sie auch erfahren, warum er hier ist, ob er sich einen Job als Gebäudereiniger erhofft oder ob er zurückwill. Anders etwa als Jarus aus Polen, der neben ihm auf der Parkbank saß. „Schweres Leben hier“, sagt er. Jarus ist 62 und kommt aus Radom in Polen. Aber er will bleiben. Ein Jahr schon hat er hier am Flughafen verbracht. Seinen Job als Reinigungskraft verlor er, weil er nicht zur Arbeit erschien. 


<strong> Unterwegs am Airport: </strong> Obdachlose auf der Suche nach Pfandflaschen
Unterwegs am Airport: Obdachlose auf der Suche nach Pfandflaschen

Er schläft nur zwei Stunden am Stück, sagt er. Alle zwei Stunden kommt auch die Sicherheit vorbei.

Herr Peter ist einer der geschätzt 200 Obdachlosen, die nur zur Übernachtung auf den Flughafen kommen, tagsüber sind sie in der Stadt oder in einem der Vororte in der Nähe. Herr Peter schimpft, wenn man ihn anspricht. Hat er sich beruhigt, zieht er ein Kuscheltier aus dem Koffer und liest eine Gute-Nacht-Geschichte aus einem Kinderbuch, das er in der Stadtbibliothek ausgeliehen hat. Dann legt er sich auf eine Sitzreihe wie ein Passagier, der am anderen Morgen seine Maschine besteigt. „Ich war noch nie so glücklich wie auf dem Flughafen“, hat er den beiden gesagt.


<strong> Rund um die Uhr: </strong> Obdachlose schlafen und waschen sich am Airport.
Rund um die Uhr: Obdachlose schlafen und waschen sich am Airport.


MIT KOSTÜM UND TÄSCHCHEN

Manche sind gut getarnt, mit Kostüm und Louis-Vuitton-Täschchen. Nur wer genau hinschaut, entdeckt, dass der Rollkoffer keine Banderole trägt. Oder er sieht die angeschwollenen Füße. Wie bei Frau Schmidt. Sie sagt, sie will keine Hilfe. Aber sie spricht lange mit den beiden. Eile hat sie nicht. Vielleicht lässt sie sich beraten, wenn sie Vertrauen gefasst hat. Gürtler und Jaehnert haben schon Leute zur Heilsarmee gefahren, zum Entzug, ins Krankenhaus oder in die Psychiatrie. Und sie haben welche im Justizvollzug besucht. Sie laden die grauhaarige Frau zum Gespräch ein in ihren Beratungsraum im Terminal C, mit Sitzplätzen und grünen Kaffeetassen, auf denen „engagiert evangelisch“ steht. Ein Rundgang der beiden dauert im Schnitt dreieinhalb Stunden.

„JETZT TRIFFT KONZERNSICHERHEIT MIT SOZIALARBEIT ZUSAMMEN.“
Stefan Fratzscher,
Flughafenseelsorger

In der Mittelachse des Flughafens, im Zentralbereich über den Rolltreppen zur S-Bahn, liegt Pfarrer Stefan Fratzschers Büro. Als er vor drei Jahren die kirchlichen Dienste am Flughafen übernahm, stieß er bald auf das Problem der Obdachlosen. Und suchte mit Lothar Frühsammer, dem Chef des operativen Sicherheitsmanagements, nach einer Lösung. Sicherheitskräfte können Obdachlose in die S-Bahn setzen, aber sie kommen zurück. Und um die 20 Gestrandete haben ihr Lager ganz am Flughafen aufgeschlagen. Manche versorgen auf der Toilette ihre Wunden und verstopfen mit altem Verbandmaterial die Abflüsse. Das verursacht schwere Schäden. Gemeinsam haben Fratzscher und Frühsammer die Kooperation zwischen Flughafen und Kirche entwickelt.

Jessica Gürtler hat eine halbe Stelle. Im Rahmen der anderen halben Stelle begleitet sie Asylbewerber, die am Flughafen ankommen. Jaehnert war vorher in der Jugend- und Gemeindearbeit tätig. „Es hat gepasst“, antwortet er auf die Frage, was ihn gereizt hat, am Flughafen zu arbeiten. „Hier spielt sich viel von dem ab, was ich mir unter diakonischer Arbeit vorstelle.“

Gemeinsam mit den Sicherheitsleuten bringen sie unterschiedliche Vorstellungen unter einen Hut. „Wir brauchen für die Obdachlosen geschützte Räume, die der Flughafen eigentlich nicht will“, sagt Fratzscher. „Aber nur wenn wir sie menschenwürdig behandeln, können wir ihnen Alternativen anbieten. Jetzt trifft Konzernsicherheit mit Sozialarbeit zusammen. Und beide lernen voneinander.“

<strong> In Begleitung: </strong> Das MOSE-Team auf „Streife“ mit Flughafenseelsorger Stefan Fratzscher  (oben) und der Polizei
In Begleitung: Das MOSE-Team auf „Streife“ mit Flughafenseelsorger Stefan Fratzscher (oben) und der Polizei