Es ist nicht einfach, gut zu sein.
WENN CHRISTOPH FLAD HEUTE MIT BANKERN UND INVESTOREN SPRICHT, TUT ER DAS AUF AUGENHÖHE. SLIM-FIT-ANZUG STATT TALAR, SO KÖNNTE MAN DIE LAUFBAHN DES PFARRERS BESCHREIBEN. DER KIRCHE IST ER ALLERDINGS TREU GEBLIEBEN. ER MANAGT DIE NACHHALTIGKEIT IHRES VERMÖGENS.

Geld und Kirche, das klingt zunächst nach Widerspruch. Trotzdem: Gut 2 Milliarden Euro liegen auf ihrer hohen Kante und sind Euro für Euro verplant – bei bestehenden Verpflichtungen von rund 4,2 Milliarden Euro. Aus gutem Grund hat die Kirche nämlich die Versorgung ihrer Ruheständler in eigene Hände gelegt.Günstiger sei das, wenn man es richtig macht. Und so kann man auch sicher sein, dass die Gelder nur dort investiert werden, wo Unternehmen nach ethischen und nachhaltigen Prinzipien funktionieren.

„Ich verstehe mich nicht als Zeigefinger, überhaupt nicht. Und schon gar nicht als moralischer“, sagt Flad und macht deutlich, dass es nicht darum geht, Unternehmen zu stigmatisieren, wenn sie gegen die Überzeugungen der Kirche handeln. „Ich will Wirkung erzielen, damit wir Lösungen finden, die andere nachmachen können.“ Die Wirtschaft soll wissen: Nachhaltig und gleichzeitig erfolgreich sein, das geht. Die Zahlen geben Flad dabei recht: Georg Schuh, Geschäftsführer bei der DWS International GmbH, als Tochter der Deutschen Bank einer der ganz großen Player im Anlagegeschäft, bestätigt: „Die Performance ethischer Anlagen ist – auf mehrere Jahre gesehen – nicht schlechter als bei konventionellen Investments.“ Übersetzt heißt das: Auch mit „guten“ Produkten lässt sich gutes Geld verdienen.

<strong> Investiert im Namen der Kirche: </strong> Christoph Flad
Investiert im Namen der Kirche: Christoph Flad
„ICH VERSTEHE MICH NICHT ALS ZEIGEFINGER, ÜBERHAUPT NICHT.“
Christof Flad, Kirchenrat

Video: Es ist nicht einfach, gut zu sein – die Kirche muss klug und ethisch investieren.

<strong> Suche nach den besten Unternehmen: </strong> Georg Schuh von der DWS (oben) und Robert Haßler von ISS-oekom
Suche nach den besten Unternehmen: Georg Schuh von der DWS (oben) und Robert Haßler von ISS-oekom

KOMPLEXE ENTSCHEIDUNGSFINDUNG

Fünf unterschiedliche Aspekte sind es, nach denen die Kirche Unternehmen hinsichtlich potentieller Investments prüft, beispielsweise in punkto Klimafreundlichkeit, wo es in erster Linie um die Verringerung des CO2-Ausstoßes geht. Firmen, die Kohle produzieren oder verstromen, werden daher nach Möglichkeit vermieden – zu wichtig sind der Kirche die Klimaziele des Pariser Abkommens. Allerdings weiß man genau, dass das nicht so einfach ist: Große Energiekonzerne verdienen in vielen Bereichen Geld, mit umweltfreundlichen Offshore-Windparks, mit klimaschädlicher Kohle – und das gleichzeitig.

Deshalb hat die Kirche, gemeinsam mit ISS-oekom, einem auf Nachhaltigkeitsanalysen spezialisierten Unternehmen, ein prozentuales Bewertungsverfahren entwickelt. Wenn ein Unternehmen mit mehr als einem Prozent an der globalen Kohleförderung beteiligt ist, wird nicht mehr investiert. Ausgeschlossen sind auch Energieversorger, die mehr als zehn Prozent ihres Umsatzes mit Kohleverstromung erwirtschaften. Es sei denn, sie engagieren sich überdurchschnittlich beim Ausbau erneuerbarer Energien.

Ausschlusskriterien wie diese sind eine Möglichkeit, ethische Investments zu kanalisieren. „Auf der anderen Seite gibt es einen Rating-Ansatz, der dazu führt, dass man die besseren Unternehmen identifizieren kann“, beschreibt Robert Haßler, CEO von ISS-oekom, den zweiten Aspekt der Auslese. Je besser sich ein Konzern in Sachen Nachhaltigkeit verhält, desto höher ist seine Bewertung. Und umso wahrscheinlicher ist es auch, dass Kirchen ihm ihr Geld anvertrauen. 


Ein aufwendiges Verfahren: Mit mehr als 100 Analysten scannt Haßlers Unternehmen im Auftrag der ELKB und anderer Organisationen über 7.000 Emittenten auf der ganzen Welt, nach 900 unterschiedlichen Kriterien.


<strong> Wasserkraft: </strong> Immer mehr Anleger fordern erneuerbare Energie
Wasserkraft: Immer mehr Anleger fordern erneuerbare Energie

AUF DER SUCHE NACH DEN BESTEN

Bewertet wird nach dem „Best in class“-Ansatz: Wer in seiner Branche nachweislich am besten im Sinne der Kriterien handelt – in Sachen Klimaschutz wären das etwa konkrete Bemühungen um die Reduktion von Schadstoff­emissionen, Verwendung erneuerbarer Energien, Implementierung entsprechender Prozesse –, hat die größten Chancen auf frisches Geld, auch von den Kirchen.

Noch sind die positiven Resultate allerdings überschaubar: Bei gerade einmal 17 Prozent der untersuchten Unternehmen erkennen die Teams von ISS-oekom, „dass Nachhaltigkeit in die strategische Unternehmensführung Einzug gehalten hat“, so Haßler. Heißt mit anderen Worten: „83 Prozent sind entweder noch ganz am Anfang oder haben vielleicht erste Schritte unternommen."

<strong> Wo will die Kirche investieren? </strong> Christoph Flad (links) wertet mit ELKB-Finanzchef Dr. Erich Theodor Barzen aktuelle Marktanalysen und Geschäftsberichte aus.
Wo will die Kirche investieren? Christoph Flad (links) wertet mit ELKB-Finanzchef Dr. Erich Theodor Barzen aktuelle Marktanalysen und Geschäftsberichte aus.

Kirchenintern sind sowohl Ausschluss- als auch Positivkriterien nicht unumstritten. Unterschiedliche ethische Überzeugungen wurden und werden diskutiert, neben klimaschädigendem Verhalten stehen etwa auch Rüstungsgüter und Menschenrechtsverletzungen auf dem Index. Gut sein ist eben nicht einfach. „Wir wollen Einfluss nehmen auf die Gesellschaft. Und das machen wir nicht durch polemische Aussagen in den Medien, sondern wir nehmen den Dialog auf mit dem Unternehmen, meist vertraulich“, beschreibt Christoph Flads Chef, Oberkirchenrat Erich Theodor Barzen, die Position der ELKB in ihrer Doppelrolle als „Investor und auch als Kirche“.

Konsequenterweise sucht man – das ist der dritte Aspekt – immer häufiger das Gespräch mit den Konzernen, weist sie auf Untersuchungen und Defizite hin. Diese Unternehmensdialoge, unter Investoren „engagements“ genannt, führen die evangelischen Kirchen in Deutschland häufig gemeinsam. 

Dafür haben sie den Arbeitskreis Kirchlicher Investoren (AKI) gegründet und arbeiten länderübergreifend mit der Church Investors Group (CIG, London) zusammen – um der Wirtschaft deutlich zu machen, „dass wir als Kirchen eben auch wirtschaftliche Akteure sind, dass wir Arbeitgeber, dass wir Vermieter sind, dass wir eben auch Geldanleger sind“, wie es AKI-Geschäftsführerin Karin Bassler formuliert. Immerhin sind die Kirchen Deutschlands zusammengenommen zweitgrößter Arbeitgeber im Land.

Vorstandsmitglied im AKI – wie übrigens auch in der CIG – ist Christoph Flad, der zwar über alle Nachhaltigkeitskriterien in der Vermögensanlage wacht, dessen Leidenschaft aber insbesondere dem Klimaschutz gilt. „2017 haben wir vom AKI mit fünf DAX-Konzernen darüber gesprochen“, sagt er nicht ohne Stolz, „2018 waren es schon 22 DAX- und MDAX-Unternehmen.“ 


Findet der Pfarrer gar spannende Fonds im Bereich erneuerbare Energien, kommt auch ein Direktinvestment in Betracht – der vierte von fünf Anlageaspekten. Aktuell hält die ELKB hier Anteile im Wert von 44 Millionen Euro, weitere 36 Millionen stehen bereit.

ERFREULICHES ERGEBNIS

Wie intensiv sich die Kirche mit dem Klimaschutz auseinandersetzt, wird bei Aspekt fünf besonders deutlich: Mittels komplexer Arithmetik lässt Flad hier den Kohlendioxidausstoß eines ganzen Wertpapierportfolios analysieren. Ein CO2-Fußabdruck also, der allerdings schwer zu berechnen ist. Gleich mehrere Institute befassen sich für die ELKB damit, „mit leicht unterschiedlichen Resultaten“, wie er einräumt.

Nicht unproblematisch ist auch, dass diese „Fußabdrücke“ allenfalls die Gegenwart abbilden und keine Voraussage für die Zukunft treffen können. Um wenigstens etwas in diese Richtung zu erfahren, beziehen die Analysten von „2 Degrees Investing Initiative“ auch geplante Investitionen und Vorhaben in ihre Berechnungen ein: die baldige Schließung von veralteten Kraftwerken etwa, oder mögliche Betätigungen im Bereich erneuerbarer Energien. Die so ermittelten Werte helfen bei der Überprüfung eigener Investments, im Falle der bayerischen Kirche mit sehr erfreulichem Ergebnis.

„Bei den Investitionen in Energieversorger sind wir schon jetzt kompatibel mit dem Zwei-Grad-Ziel der maximalen Klimaerwärmung. Ja, mehr noch: Wir dürften sogar doppelt so viel Kohleanteil im Strommix der Versorger haben“, freut sich Flad.

Gute Geldanlagen sind also auf viele Arten machbar – unter unterschiedlichen Gesichtspunkten. Natürlich stehen immer Rendite, Sicherheit und Verfügbarkeit auf der Entscheidungsliste, wie bei allen anderen Investments auch. Zusätzlich aber wird nach einem gedächtnisfreundlichen Dreiklang gefragt, der sich international durchgesetzt hat: ESG. E steht dabei für Environment, schaut also nach der Umweltverträglichkeit; S überprüft Unternehmen hinsichtlich ihres sozialen Verhaltens. Und G meint Governance, hinterfragt Ausrichtung und Qualität der Unternehmensführung.

Die Aussichten, dass diese Faktoren immer mehr in die Entscheidungsfindung einbezogen werden, sind gut, auch über den kirchlichen Kontext hinaus. Der Trend, nach ESG-Richtlinien zu investieren, „nimmt exponentiell zu“, sagt Anlageprofi Georg Schuh, der tausende von Anlegern hinter sich weiß. „Wer hier ein schlechtes Rating hat, bekommt einen Malus.“ Und der tut richtig weh: Alleine 2018 wurden bei 16 Hauptversammlungen 67 Vorstandsvorschläge abgelehnt – weil die ESG-Kriterien „nicht gut genug gemanagt waren“.

INFO

Mehr zum Thema Ethisches Investieren erfahren Sie im aktuellen Nachhaltigkeitsbericht der ELKB, Informationen und Download unter:
www.kirche-und-geld.de/nachhaltigkeit.php


Der Arbeitskreis Kirchlicher Investoren hat im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einen Leitfaden für ethisch nachhaltige Geldanlage publiziert, den Sie hier herunterladen können:
www.aki-ekd.de


Ethische Investorendialoge finden Sie auch auf der Website der britischen Church Investors Group, in der die ELKB Mitglied ist:
www.churchinvestorsgroup.org.uk

KONTAKT

Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern
Kirchenrat Christoph Flad
Referat Nachhaltige Vermögensanlage

Katharina-von-Bora-Str. 7-13
D-80333 München
Tel.: +49 (0)89 5595-263
Fax: +49 (0)89 5595-8-263
christoph.flad@elkb.de
www.bayern-evangelisch.de

Arbeitskreis Kirchlicher Investoren in der evangelischen Kirche in Deutschland (AKI)
Dr. Karin Bassler

Dolivostr. 10
64293 Darmstadt
Tel.: +49 (0)6151 6674475
bassler@aki-ekd.de
www.aki-ekd.de