Spannende Wege (zurück) in die Gemeinde

GUT 3.000 MENSCHEN TRETEN IN DIE KIRCHE EIN – JEDES JAHR. IM VERGLEICH ZU DER ZAHL DER AUSTRITTE IST DAS IMMER NOCH WENIG. ABER JEDER EINZELNE HAT GUTE GRÜNDE FÜR DIESEN SCHRITT. ZUM ERSTEN MAL. ODER ALS NEUANFANG.


Dagmar Vacano hatte ein spannendes Berufsleben. Als Maskenbildnerin an der Münchner Oper und an diversen anderen Häusern wie auch an Filmsets blieb da wenig Zeit für ein kirchliches Engagement. Zumal sie, wie sie berichtet, aufgrund einer falsch berechneten Kirchensteuerzahlung aus der Kirche ausgetreten war: „… dann habe ich gesagt, Schluss aus, mit dem Laden habe ich nichts zu tun“.

Viele Jahre später – ihr Kind war längst aus dem Haus – wollte sie ehrenamtlich helfen, aber nicht einfach irgendwie loslegen, sondern „im Rahmen einer geschützten Einrichtung“.


An der Münchner Erlöserkirche fand sie genau das: „Das hat mir gut gefallen. Und da habe ich gesagt, hier bleibe ich, hier will ich unterschiedlich tätig werden.“ Konsequent hat sie daraufhin nicht nur mitgeholfen, sondern auch entschieden: „Wenn ich jetzt schon ein Teil der Gruppe bin, will ich eigentlich auch wieder Mitglied sein, das richtig dazugehört.“


Ein wenig Mut braucht es schon, gegenüber engen Freunden von seinem Glauben zu reden. Diese Erfahrung hat Robert Hahn gemacht, erfolgreicher Produktmanager und in der ehemaligen DDR sozialisiert. „Kirche hat man nie verstanden, es hat mir ja niemand beigebracht“, sagt er heute. Gleichzeitig habe er aber geglaubt, „dass es da etwas gibt. Weil mir das gefiel, zu jemandem reden zu können, der gar nicht da ist, aber der einem in schweren Zeiten hilft.“

Nach seinem Umzug nach München hat er in Bayern auch seine Freundin kennengelernt. Für die katholisch aufgewachsene junge Frau war der christliche Glaube eine Selbstverständlichkeit, hat sie doch „sehr, sehr offen über Religion und Kirche gesprochen. Das war für mich extrem neu, dieses Reden über Gott.“

Aber abgesehen von der privaten Ebene suchte Hahn auch nach christlichen Richtlinien für seinen Beruf, etwa wenn es um Fairness zum Kunden geht. Oder um das Verhältnis zu den Mitarbeitern. „Und dann war ich beim evangelischen Gottesdienst, und da habe ich festgestellt, dass die großen Wert darauf legen, dass Menschen miteinander gut umgehen können.“

Das hat ihn letztlich zum Eintritt bewogen. In die Evangelische Kirche, weil er das Klare und Unprätentiöse mag.


Ich bin aus der Kirche ausgetreten, „weil alle das so gemacht haben“, erzählt Dr. Wolf Göhring aus seiner Zeit als junger Erwachsener. Davor hatte er sogar Gottesdienste auf Orgel und Harmonium begleitet, „um ein wenig Taschengeld zu verdienen“. Nach dem Abitur konnte der angehende Mediziner dann mit den kirchlichen Inhalten „nicht mehr so viel anfangen“.

Doch dann kam, was vielen in der Mitte eines erfolgreichen Berufslebens passiert: ein „völliges Ausgebranntsein. Und da habe ich meine Spiritualität wiederentdeckt.“ Regelmäßige Klosteraufenthalte und das Wandern entlang von Pilgerwegen halfen dem Internisten wieder in den Alltag zurück. Und: „Ich habe wieder gebetet in meinem Leben.“

Irgendwann stellte sich dann die Frage: „Trete ich wirklich wieder bewusst ein? Und das habe ich für mich bejaht.“ Kirchliche Werte wie „Nächstenliebe, Solidarität und Geduld“ haben ihn überzeugt, „dass ich mich wieder ganz bewusst dazu bekennen möchte“.


Meine Taufe fand um 6 Uhr 30 statt“, erzählt Julia Fischer noch heute begeistert, „in der Osternacht 2015“. Die ersten Lichtstrahlen seien durch das Kirchenfenster gefallen – ein sehr emotionaler Moment. Die eher sachliche Betriebswirtin liebt genau das an ihrer neuen Gemeinde, „weil ich sonst mit harten Zahlen und Fakten zu tun habe“. Die Kirche dagegen gebe ihr etwas „Heimeliges, was mich wärmt, was mich umgibt“.

Vor zehn Jahren ist sie mit ihrem Mann von Berlin nach Augsburg gezogen – und kannte zunächst niemanden. Erst nach und nach lernte sie in der neuen Heimat Freunde kennen und war sehr erstaunt, dass Kirche hier ganz anders in das Leben integriert ist: „Dass man auch mal gemeinschaftlich am Sonntag in die Kirche geht, dass überhaupt viel mehr darüber geredet wird.“


Noch immer ist alles für sie ein wenig ungewohnt, „aber es ist gut, eingetreten und dabei zu sein“. Dass sie jetzt auch Kirchensteuer bezahlen muss, findet sie gut, „ich sehe ja auch, was dafür getan wird“.