REDAKTION: Herr Krüger, wir haben uns Ihren Nachhaltigkeitsreport angeschaut, 250 Seiten. Beeindruckend, was Sie da machen. Ist die Industrie inzwischen auch Vorbild für verantwortungsvolles Handeln?
HARALD KRÜGER: Wir brauchen ökonomischen Erfolg, damit wir die Zukunft finanzieren sowie Arbeitsplätze sichern und schaffen können. Aber: Wir müssen auch mit unseren Ressourcen sehr umweltschonend umgehen, den Einsatz von Rohstoffen konsequent verringern.
HEINRICH BEDFORD-STROHM: Wir weisen als Kirchen schon seit Jahrzehnten immer wieder auf dieses Thema hin – Stichwort Umweltbewegung oder auch Ausstieg aus der Atomkraft. Die Unternehmen haben das lange Zeit als Bedrohung gesehen. Inzwischen aber schalten große Firmen ganzseitige Anzeigen, in denen sie ökologische Nachhaltigkeit als Programmbegriff verwenden.
KRÜGER: Bei uns geht es viel tiefer, weil Nachhaltigkeit ein integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie ist. Also wirklich fest in unserem Handeln verankert, von Anfang an. Die BMW Group war das erste Unternehmen im DAX, das einen Umweltschutzbeauftragten hatte. Und zwar schon in den 70er Jahren.
BEDFORD-STROHM: Dieses Thema ins Zentrum zu rücken, hatten die Kirchen damals gefordert. Wie sieht dieses Engagement denn heute bei Ihnen aus?
KRÜGER: Wir haben zum Beispiel den Energieverbrauch, den wir zum Produzieren eines Fahrzeugs brauchen, seit 2006 um 37 Prozent gesenkt. Sie können heute kein Unternehmen mehr führen, wenn Sie nicht gut in Nachhaltigkeit sind. Da fragen die Kunden nach. Da fragen auch die Investoren genau nach.
BEDFORD-STROHM: Wir ebenfalls. Als Kirche haben wir ethische Kriterien in unserem Nachhaltigkeitsindex, die darüber entscheiden, ob wir investieren. Und wir kommunizieren das offensiv …
KRÜGER: ... diese Kriterien haben wir auch.
BEDFORD-STROHM: Man kann sich natürlich freuen darüber, dass die Verbräuche sinken, dass die Produktionsbedingungen immer ökologischer werden. Aber das große Problem ist doch, dass die Menschen immer mehr fahren, und auch vermehrt SUVs mit hohem Kraftstoffverbrauch, so dass die Erfolge bei der ökologischen Entwicklung der Motoren zunichtegemacht werden ...
KRÜGER: Ich bin überzeugt: Die Zukunft gehört der emissionsfreien E-Mobilität. Im Jahr 2017 haben wir 100.000 Fahrzeuge mit reinem Elektroantrieb bzw. Plug-in-Hybridantrieb verkauft. 2018 sollen es mindestens 140.000 sein.
REDAKTION: Das ist aber sehr wenig, gemessen an der Gesamtzahl aller neuen Autos ...
KRÜGER: Entscheidend ist doch: Es geht klar voran. Die elektrische Reichweite wird sich in den nächsten Jahren deutlich erhöhen. Und auch die Ladezeiten werden immer kürzer.
Außerdem belegen Studien: Wenn sich ein Kunde erst einmal für einen E-Antrieb entscheidet, dann kauft er immer wieder ein Elektroauto.
REDAKTION: Mehr Elektroautos müssten doch automatisch zu mehr Lademöglichkeiten führen?
KRÜGER: Die Ladeinfrastruktur wird in vielen Städten ausgebaut – Asien liegt da weit vorn. Und in Norwegen haben schon heute 65 Prozent aller verkauften BMW einen elektrifizierten Antrieb. Das heißt: Von drei Autos fahren zwei elektrisch. In Deutschland dagegen machen elektrifizierte Fahrzeuge derzeit nur drei Prozent aller ausgelieferten BMW Modelle aus. Der Kunde in Norwegen entscheidet anders, weil E-Mobilität finanziell gefördert wird und eine flächendeckende Infrastruktur zum Laden bereitsteht. Das ist in vielen europäischen Ländern nicht der Fall.
BEDFORD-STROHM: Zudem stellt sich die Frage, ob Elektromobilität wirklich am Ende so viel nachhaltiger und ethischer ist? Wir machen uns da große Sorgen. Wegen der umweltschädlichen Batterieproduktion, wegen des großen Rohstoffverbrauchs, wegen der Verwendung von Kobalt, das unter fragwürdigen Bedingungen gewonnen wird ...
KRÜGER: ... ein ganz wichtiger Punkt. Unternehmen haben hier eine Verantwortung. Wir haben uns dazu entschieden, Kobalt künftig selbst direkt einzukaufen und es dann unseren Lieferanten zur Verfügung zu stellen. So können wir sicherstellen, dass wir vorerst kein Kobalt mehr aus dem Kongo beziehen, der Abbau dort ist ja zu Recht umstritten. Aber um die Menschen dort nicht im Stich zu lassen, haben wir vor Ort ein Entwicklungshilfeprojekt gestartet. Wir schulen die Menschen, statten sie mit Schutzausrüstung aus und erklären, wie man sichere Stollen baut.
BEDFORD-STROHM: Fakt ist aber, dass durch die Elektromobilität erst einmal auch deutliche neue ökologische Belastungen entstehen.
KRÜGER: Die gibt es tatsächlich. Deswegen haben wir haben 2013 den vollelektrischen BMW i3 auf die Straße gebracht. Seine CO2-Bilanz ist substanziell besser als bei einem konventionellen Fahrzeug. Und die Batterien werden nach einem langen Fahrzeugleben viele weitere Jahre als stationäre Energiespeicher genutzt und anschließend recycelt.
BEDFORD-STROHM: Seit Jahren verwende ich den Begriff eines „ökologischen Wirtschaftswunders“. Wir haben tolle Ingenieure, innovative Unternehmen, Unternehmerpersönlichkeiten. Das sind Leute, die Visionen haben, die das Unmögliche möglich machen wollen. Und anstatt dabei vor allem an das Verdienen von Geld zu denken, müssten wir das auf die gesellschaftlichen Ziele, die uns alle bewegen, beziehen. Und uns klarmachen, dass es geht, in der Zukunft gut zu leben, ohne die Natur zu zerstören und auch ohne es auf Kosten anderer zu tun.
KRÜGER: Das kann ich nachvollziehen. Aus meiner Sicht müssen Unternehmen, die auf lange Sicht Erfolg am Markt haben wollen, nachhaltig agieren. Nur so werden ihre Produkte von den Kunden und in der Gesellschaft akzeptiert. Hier trennt sich ganz klar die Spreu vom Weizen.
BEDFORD-STROHM: Spätestens seit dem Klimaabkommen von Paris.
KRÜGER: Gerade in Gesprächen mit jungen Leuten erlebe ich immer wieder: Bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber ist es für viele ein wichtiges Argument, welche Werte ein Unternehmen lebt und wie nachhaltig es handelt.
BEDFORD-STROHM: Genau so ist es. Die wollen was Sinnvolles machen.
KRÜGER: Ja, die Sinnfrage ist heute relevant. Das Zweite ist die Identifikationsfrage: Ich will bei jemandem arbeiten, der einen Beitrag leistet ...
BEDFORD-STROHM: ... für den ich einstehen kann ...
KRÜGER: ... und dass auch das, was er tut und als Unternehmen verantwortet, fair ist und zum Wohl der Gesellschaft beiträgt.
BEDFORD-STROHM: Es würde mich freuen, wenn Ihre Beobachtung zutrifft und der Mensch endlich wieder in den Mittelpunkt rückt – ein Kernthema unserer Kirche. Das Geld ist nicht mehr das Einzige.
KRÜGER: Was für mich zählt, ist unternehmerischer Erfolg und Verantwortung. In den Regionen und Gemeinden, in denen wir aktiv sind, stellen wir uns deshalb den gesellschaftlichen Herausforderungen – und das weltweit. Also Verkehrssicherheit, Bildung, interkulturelle Verständigung, Gesundheitsförderung. Das sind unsere Themen. Und hier setzen wir auf langfristig wirksame Lösungen.
BEDFORD-STROHM: Das hört sich ja alles sehr gut und nachvollziehbar an. Sie sind aber auch täglich mit sehr realistischen Dilemma-Situationen konfrontiert, mit gegensätzlichen Interessen. Schaffen wir es überhaupt, das Ziel einer ökologischen Umorientierung der Wirtschaft in einigermaßen überschaubaren Zeiträumen zu erreichen?
KRÜGER: Mit realistischen Zwischenzielen: ja. Wenn jemand beispielsweise fordert, in 2030 fahren nur noch Elektroautos auf der Straße, dann ist das für uns unrealistisch. Aber: Wir haben uns ambitionierte Ziele gesteckt. Bis Ende 2019 wollen wir in Summe eine halbe Million E-Modelle und Plug-in-Hybride auf der Straße haben. Und bis 2025 soll unser Angebot 25 elektrifizierte Modelle enthalten – zwölf davon rein elektrisch.
REDAKTION: Die Autowelt entwickelt sich ja auch in ganz andere Richtungen. Sie nennen das „Mobilitätskonzepte“ oder „Community“, entwickeln sich so vom Produzenten irgendeiner Hardware zu einem Sinnanbieter. Und Sie graben der Kirche damit ein bisschen das Wasser ab ...
KRÜGER: ... das glaube ich nicht, nein. Wir sind mit unseren Fahrzeugen und Mobilitätsdienstleistungen Teil des digitalen Lebens unserer Kunden. Und das Leben der Kunden verändert sich. Sie wollen mehr als nur von A nach B kommen. Sie wollen alles online unterwegs erledigen. Das muss im Auto genauso gut funktionieren wie vom Sofa aus.
BEDFORD-STROHM: Da ist Vorsicht angebracht. Was machen Sie denn mit den ganzen Daten, die Sie über die neuen elektronischen Möglichkeiten ja jetzt schon generieren? Ich habe die Befürchtung, dass uns die Kontrolle darüber entgleitet. Das ist auch für uns als Kirche ein Thema.
KRÜGER: Wir haben im Rahmen unserer Datenstrategie ein sogenanntes „Datenmanifesto“ erarbeitet. Es legt klar fest: Für uns haben die Privatsphäre des Kunden und die Fahrzeugsicherheit oberste Priorität. Personenbezogene Daten von Kunden verarbeiten wir nur nach ausdrücklicher Erlaubnis durch den Kunden. Auch nicht personenbezogene Fahrzeugdaten spielen heute eine wichtige Rolle. Digitale, hochpräzise Echtzeit-Karten werden von den Daten vieler Fahrzeuge gleichzeitig gespeist. Je besser die digitale Karte, umso sicherer das Autofahren. So werden Unfälle verhindert.
REDAKTION: Gleichzeitig mit diesen Entwicklungen ändern sich ja die politischen Rahmenbedingungen. Einerseits betrachten wir Mobilität als grenzübergreifendes System von Bewegung und Lebensentfaltung. Andererseits haben wir in der Politik immer wieder Situationen, wo die Grenzen dichtgemacht werden, wo man enger denkt, wo Abschottung und Distinktion zum großen Thema werden. Sie sind ja weltweit unterwegs, Sie haben überall Werke und Vertriebsgesellschaften ...
KRÜGER: Wir sind in 140 Ländern präsent.
REDAKTION: Was bedeutet das für Sie, dass in der Politik und generell im Denken, und zwar von links bis rechts, die Welt enger zu werden scheint?
KRÜGER: Das spüren wir hautnah. Weltweit nehmen Regularien, Protektionismus und Handelshemmnisse zu. Das erschwert unser Geschäft immens.
BEDFORD-STROHM: Reden Sie jetzt über politische Rahmenbedingungen?
ZUR PERSON
HARALD KRÜGER ist seit 2015 Vorstandsvorsitzender der BMW AG. Zuvor zeichnete der in Freiburg geborene Maschinenbauer für die Produktion des Konzerns verantwortlich.
Nach seinem Studium in Braunschweig und Aachen war Krüger zunächst Forschungsassistent am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt; seit 1992 arbeitet er für BMW.
Auslandsaufenthalte führten ihn und seine Familie nach Großbritannien und in die USA.
DR. HEINRICH BEDFORD-STROHM ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Zuvor war er Professor für Systematische Theologie und Theologische Gegenwartsfragen an der Universität Bamberg.
KRÜGER: Über gesetzliche und politische. Wir brauchen verbindliche Rahmenbedingungen. Aktuell spüren wir die Auswirkungen des Handelskriegs zwischen den USA und China. Die BMW Group setzt sich für freien Welthandel ein. Er ist ein hohes Gut, das Wachstum und Wohlstand für alle schafft. In Europa wächst die Skepsis gegenüber der Europäischen Union. Dabei ist der EU-Binnenmarkt eine der größten Leistungen der europäischen Wirtschaftspolitik – die Basis für die Marktverflechtungen innerhalb der EU. Das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.
REDAKTION: Machen Sie sich im Moment große Sorgen bezüglich den USA?
KRÜGER: Wir leben in volatilen Zeiten. Die BMW Group ist seit 2011 der größte Automobil-Exporteur der USA – gemessen am Exportwert. Rund 70 Prozent unserer US-Produktion exportieren wir in alle Welt. Das ist eine Tatsache, die wir auch gegenüber der Politik in den USA immer wieder deutlich machen.
BEDFORD-STROHM: Das ist in der Tat ein gutes Argument gegen populistischen Protektionismus. Mit einer Politik der Abschottung schadet man sich am Ende immer selbst. Diese Erkenntnis wird sich durchsetzen. Da bin ich ziemlich sicher.
REDAKTION: Die Kirche denkt ja immer: Wir sind der besorgte Mahner, der der Industrie so ein bisschen auf die Finger schaut. Wenn ich mir unser Gespräch hier aber anhöre, muss man doch sagen: BMW ist da in vielen Punkten sehr weit vorne dabei ...
BEDFORD-STROHM: Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass man in vielen Dingen von Unternehmen lernen kann. Wenn Sie, Herr Krüger, schon mal einen Bischof vor sich haben, und ich einen Unternehmenschef: Was erwarten oder erhoffen Sie sich von der Kirche? Sie sind ja auch evangelischer Christ.
KRÜGER: Ich bin Christ. Und als solcher erwarte ich von der Kirche, dass sie weiterhin konsequent für Toleranz, Integration und gesellschaftliche Verantwortung kämpft – für unsere Grundwerte. Dass sie ein Ort der Begegnung bleibt und ein Ort des konstruktiven Dialogs. Und natürlich: dass sie kritische Themen anspricht.
BEDFORD-STROHM: Auf diese kritische Begleitung können Sie sich verlassen. Der Glaube als die religiöse Basis und das Engagement für die Welt gehören zusammen.